Vienna City Marathon 2015: Eine Geschichte in 42 Kilometern

KM 0: Du stehst am Start. Nach der wochen- und monatelangen Vorbereitung ist der Tag Null gekommen. Die Strapazen und Anstrengungen der unzähligen Trainingsstunden sollen sich heute bezahlt machen. Zum Glück spielt das Wetter einigermaßen mit. Mit 13 Grad und einer Prognose von 20 Grad zu Mittag ist zwar etwas zu heiß, aber immer noch besser als eine Stunde bei Regen und Wind auf den Start zu warten. Der Tag dauert bereits eine gefühlte Ewigkeit. Nachdem der Körper erst drei bis vier Stunden nach dem Aufstehen seine volle Leistungsfähigkeit erreicht, bist du heute bereits um 5:30 Uhr aufgestanden. Ein kurzer Spaziergang und zwei Semmeln mit Honig später, hast du es dir vor dem Fernseher gemütlich gemacht. Um 8 Uhr steigst du in die überfüllte U-Bahn. Statt mit betrunkenen Party-People ist sie voll mit motivierten Sportlern. Bei der Station Kaisermühlen/VIC steigt ihr alle gemeinsam aus und eine komplett leere U-Bahn fährt weiter. Der bevorstehende Marathon ist nicht zu übersehen. Nach Abgabe des Garderobensackerls wärmst du dich noch kurz auf und suchst deinen Startblock. Dann stehst du eingereiht am Start. Der Startschuss ertönt. Die Eliteläufer starten. Und ein paar Minuten später geht es los.

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KM 1: Wie jedes Jahr ist der erste Kilometer über die Reichsbrücke geplagt von schnellen Läufern, die langsamere überholen und langsamere Läufer, die sich zurückfallen lassen müssen. Das erzeugt Spannung bei beiden Gruppen und sorgt für unangenehme, spannungsgeladene erste Kilometer. Eine Situation, von der man sich am besten nicht ablenken lässt.

KM 2: Auf der Lassallestraße trennen sich die beiden Bahnen. Die rechten Startblöcke laufen am Praterstern eine ausholende Kurve, dürfen dafür aber auf der Reichsbrücke etwas weiter vorne starten. Die linken Startblöcke laufen direkt auf die Prater Hauptallee.

KM 3: Die beiden Bahnen werden auf der Hauptallee vereint, was kurzfristig für einen kleinen Flaschenhals sorgt. Die sechs Spuren von der Reichsbrücke werden auf zwei bis drei zusammengefürt. Ich weiche auf den kleinen Weg neben der Hauptallee aus und kann erstmals ohne Behinderung mein Tempo laufen. Dass die ersten drei Kilometer unter der persönlichen Zielmarke sind, ist überhaupt kein Problem. Das holt man später leicht wieder auf. Viel wichtiger ist, in den Menschenmassen schnell seinen Rhythmus zu finden.

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KM 4: Die Bäume auf der Hauptallee spenden angenehmen Schatten und halten die stärker werdende Sonne auf einem angenehmen Niveau. Einige Läufer weichen hier schon ins Grüne aus, um die Möglichkeit einer Freiluft-Toilette zu nützen. Hier ist offensichtlich beim Flüssigkeitsmanagement etwas schief gelaufen 😉

KM 5: Bei Kilometer 5 gibt es die erste Verpflegungsstation. Gemäß meines Plans, an jeder Station zwei Becher (einen mit Wasser, einen mit Iso-Getränk) zu trinken, nehme ich zwei und schütte sie mir runter.

KM 6: Wir verlassen den Prater und biegen zum Donaukanal ab. Ich komme in einen guten Rhythmus und denke mir zum ersten Mal, dass heute eine gute Zeit drin ist. Gleichzeitig versuche ich jedoch, keine Gedanken an das Ziel zu verschwenden. Bis dahin ist es noch ein langer Weg auf dem viel passieren kann.

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KM 7-9:  Relativ unspektakulär. Mir wird zum ersten mal bewusst, dass heute deutlich mehr Zuschauer am Streckenrand anfeuern als 2014. Es muss an dem guten Wetter liegen. Ich freue mich auf jedes „hopp hopp“, „yeah, ihr schafft das“ und High-Five. So blöd es klingen mag, aber das hilft wirklich unheimlich!

KM 10:  Der Weg geht Richtung ersten Bezirk und der Ringstraße. Am Schwedenplatz sind richtig viele Zuschauer. Gleichzeitig beginnt hier wohl die schönste Gegend. Man läuft zwischen historisch alten Gebäuden auf Wiens Prachtstraße.

KM 11: Viele Sponsoren haben hier ihre Zelte aufgeschlagen um die Läufer anzufeuern. Es wirkt. Beflügelt vom Applaus der Zuschauer geht es gleich viel leichter.

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KM 12: Am Karlsplatz biegt man auf die Linke Wienzeile ab, die stadtauswärts vorbei am Naschmarkt Richtung Schloss Schönbrunn führt. Hier beginnt der kräfteraubendste Abschnitt der ersten Hälfte. Nicht nur weil die Strecke kontinuierlich bis Kilometer 19 ansteigt, sondern auch weil Wind und Sonne unangenehm gegen die Läufer arbeiten.

KM 13-15: Ich erinnere mich, wie schlecht es mir letztes Jahr bei diesem Abschnitt gegangen ist und wie sehr ich hier mit meinem Körper kämpfen musste. Ich war verwundert, wie leicht es dieses Jahr ging und dachte noch einmal an das anstrengende Training zurück. Es war also doch nicht umsonst. Bisher war kein Abfall meiner Pace zu beobachten und das Ziel von 3:30h war schaffbar. Sogar die anfänglichen Rückstände am Start habe ich mittlerweile wett gemacht. Aber ich sehe wie sehr die Hitze anderen Läufern zu schaffen macht. Vor mir bricht ein älterer Mann zusammen und liegt regungslos am Boden. Sofort stürmt ein Streckenposten zu ihm und kümmert sich um die Erstversorgung. Er war nicht der einzige, reihenweise sehe ich erschöpfte Leute am Streckenrand gehen und einige Mitstreiter, die von den Rettungs-Sanitätern medizinisch betreut werden.

KM 16: Meine Stimmung ist sichtlich getrübt von den medizinischen Notfällen. Ich versuche auf meinen Körper zu hören und bin der Meinung, dass ich keine Probleme habe. Bleibe somit bei meiner Pace und versuche auf andere Gedanken zu kommen.

KM 17: Leider sieht man das Schloss Schönbrunn nur in der Ferne. Der Kurs führt nicht direkt am Schloss vorbei, was dem Marathon sicherlich eine sehr tolle Kulisse bieten würde. Nach der Staffelübergabe zweigt die Strecke rechts ab und es beginnt die letzte Steigung zum Technischen Museum.

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KM 18: Auf der Äußeren Mariahilferstraße hat man schließlich den höchsten Punkt des Laufs erreicht. Ich erinnere mich noch einmal an den Halbmarathon letztes Jahr zurück: Das Ziel ist hier schon spürbar. Jetzt fehlt nur noch die Mariahilferstraße und wenige Kilometer bis zum Ziel. Aber nicht für mich: Ich verdränge die Zielgedanken wieder aus dem Kopf.

KM 19-20: Sobald der Westbahnhof hinter dir liegt, folgt die Innere Mariahilferstraße. Es geht angenehm bergab und ich versuche etwas Kraft für den zweiten Marathonteil zu tanken. Die Halbmarathon-Läufer geben jetzt noch einmal richtig Gas. Hier ist es wichtig sich nicht mitreissen zu lassen.

KM 21: Ab diesem Punkt teilt sich die Strecke. Das Ziel für Marathon und Halbmarathon-Läufer ist zwar das selbe, Läufer der vollen Distanz müssen jedoch links abbiegen und eine weitere Runde durch Wien absolvieren. Halbmarathonis dürfen geradeaus auf ins Ziel laufen. Man fiebert mit den Läufern mit und spürt die Erleichterung.

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KM 22: Man merkt erstmals den hohen Anteil an Halbmarathon-Teilnehmern. Die Strecke wird auf einen Schlag schmäler und die Menge an Läufern ist plötzlich angenehm. Es geht der schönen Ringstraße entlang, vorbei am Parlament, am Rathaus und der Uni Wien.

KM 23-24: Mein Plan ist aufgegangen, ich fühle mich noch immer topfit und motiviert. Versuche das Tempo etwas zu steigern und ein bisschen Vorsprung herauszuholen. Die engen Straßen spenden wertvollen Schatten und sorgen für ein angenehmes Laufklima.

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KM 24-25: Es sind deutlich weniger Menschen am Streckenrand. Aber die, die da sind, fiebern dafür umso enthusiastischer mit. Auch wenn viele Transparente und Plakate nur für einen speziellen Menschen gelten, kann man sich dadurch auch selbst ein Stück motivieren.

KM 26: Ich habe meine Geschwindigkeit aus den Augen verloren und laufe nun schon 4  bis 5 Kilometer viel zu schnell mit einer 4:45 min/km Pace. Auf der Donaustraße wird es ungemütlich. Der Wind pfeift entlang des Donaukanals in die entgegensetzte Laufrichtung. Ich drossle mein Lauftempo deutlich und versuche dem Wind Paroli zu bieten.

KM 27-28: Der hohe Pace der vergangen Kilometern macht sich bemerkbar. Glücklicherweise ist der Wind jetzt wieder angenehmer. Ich hole mein letztes Energy-Gel aus dem Laufgürtel und sauge genüsslich am Beutel – in der Hoffnung, dass die Kräfte zurückkommen.

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KM 29: Es geht zurück auf die Prater Hauptallee. Meine „Heimlaufstrecke“ quasi. Wie viele Hundert oder besser gesagt Tausend Stunden ich hier wohl schon mit dem Training verbracht habe? Ich fange zu rechnen an und versuche das Ergebnis auf meine Zeit seit Studien-Beginn hochzurechnen. Die Zahlen überschlagen sich im Kopf, aber irgendwie führt das zu nichts.

KM 30: Ich versuche mich anderweitig abzulenken. Hole mein Smartphone heraus und mache ein Selfie. „Natürlich muss das auf Twitter„, denke ich mir. Die Selfie Knipserei hat einen Vorteil: Ich zwinge mich zum Lachen. Immerhin will ich ja gut ausschauen und nicht so, wie ich mich eigentlich fühle. Es funktioniert erstaunlich gut und ich starte einen Live-Stream Versuch mit Periscope. Sekunden später sind fast 20 Leute live dabei und schreiben mir motivierende Worte zu. Diese werden in Echtzeit bei mir am Display eingeblendet und sorgen für einen ordentlichen Motivationsschub. Ich beantworte ein paar Fragen und versuche so entspannt und gut wie möglich auszusehen. Jemand rät mir, genügend zu trinken. Ich stimme zu – es ist wirklich heiß.

KM 31-32: Ich muss den Live-Stream wegen der kommenden Verpflegungsstation abbrechen und komme dem Ratschlag meines Zuschauers nach. Der Technologie-Einsatz hat einen willkommenen Nebeneffekt: Ich wurde ein wenig von meinem kleinen Leistungseinbruch abgelenkt und war wieder on Track für die 3:30h. Es ging mir wieder gut und ich passierte die letzte Staffelübergabe beim Stadion. In Gedanken gehe ich den weiteren Streckenablauf durch: Bis zur Wende beim Lusthaus und wieder zurück bleibt der Marathon auf der Prater Hauptallee.

KM 33-34: Am unteren Ende der Hauptallee wird beim Lusthaus gewendet und es geht wieder zurück Richtung Stadion. Die gerade Strecke der Hauptallee ist langweilig zu laufen. Es gibt wenig zu schauen und auch die Zuschauer sind leider nur sehr spärlich vorhanden. Ich freue mich schon auf die Energy-Gels bei der Verpflegungsstation auf Kilometer 35.

KM 35: Weniger als 10 Kilometer bis zum Ziel. Zeitmäßig bin ich voll im Rahmen für eine Zeit unter 3:30. Jetzt gibt es erstmal den sehnsüchtig erwarteten Energieschub in Form eines Gels.

KM 36: Es geht weiter Richtung Donaukanal und genau hier Stand er: Der berühmte Mann mit dem Hammer. Ein plötzlicher Energie-Einbruch machte jeden Schritt qualvoll. Und anstrengend. Ich denke mir: WTF, das kann doch nicht sein. Ich sehne mir das Ziel herbei und versuche die letzten Kräfte zu mobilisieren. Aber irgendwie kommt nichts.

KM 37: Schritt für Schritt, Meter für Meter kämpfe ich weiter. Ans Aufhören darf man zu dem Zeitpunkt nicht denken. Zu weit ist man gekommen. Ich versuche mich abzulenken. Beobachte meine Mitläufer und scheinbar geht es nicht nur mir so. Schmerzen und Energielosigkeit wohin man schaut. Ich beobachte einen Läufer, der immer wieder stehen bleibt und sich an seinen rechten Oberschenkel greift. Es sieht nach Krämpfen aus. Er will nicht aufgeben und versucht weiter zu laufen. Wenige Meter später fängt er zu schreien an und geht zum Streckenrand. Ich frage mich ob es Schreie vor Wut auf seinen Körper ist oder qualvolle Schreie vor Schmerzen. Wahrscheinlich beides. Ich überhole ihn und schaue kurz zurück. Er sitzt mittlerweile am Boden. Ob er wohl ins Ziel gekommen ist?

KM 38-39: Ich versuche mir Tipps von den tausend Ratgebern, die ich vorher studiert habe, ins Gedächtnis zu rufen. Viel zu oft habe ich über dieses Hammermann-Phänomen gelesen, habe mir aber nicht vorstellen können, dass es doch so schlimm ist. Es fällt mir ein Tipp ein, den ich damals absurd gefunden habe. So absurd, dass er funktionieren könnte: Einfach lächeln. Zwing dich zu lächeln und der Körper wird mitspielen. Einen Versuch ist es wert.

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KM 40: Noch drei Kilometer. Mittlerweile ist der Kurs wieder am Ring. Die Zuschauermengen sind wieder da und helfen beim Weiterkommen. Gedanklich sehe ich das Ziel bereits vor mir und will einfach nur mehr ankommen. Irgendwie schaffe ich es, aus meinem Tief herauszukommen und kann wieder lächeln. Nicht gespielt, sondern wirklich. Das Ziel wird real. Ein kurzer Check der Zeit sagt mir, dass ich trotz der letzten Kilometer noch im Rahmen bin. Bei der letzten Verpflegungsstation helfen Kinder und Jugendliche und halten die Trinkbecher für die Läufer bereit. Ich schaffe es, mich trotz Erschöpfung freundlich zu bedanken und erkenne, welche Freude die jungen Helfer bei der Sache haben.

KM 41: Immer wieder fallen mir die schmerzverzerrten Gesichter von gehenden und humpelnden Menschen am Streckenrand auf. Sie wollen es nur irgendwie ins Ziel schaffen. Am liebsten würde ich ihnen alle auf die Schulter klopfen und sie anfeuern. Ihnen helfen, damit sie ins Ziel kommen. Am Streckenrand streckt ein kleines Kind seinen Arm aus und will einschlagen. Ich klatsche ab und es ruf mir „Viel Glück“ zu.

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KM 42: Der letzte Kilometer bis zum Ziel. Ich habe es fasst geschafft. Am Burgring entlang trägt mich das Publikum sprichwörtlich ins Ziel. Ich versuche noch einmal alles zu geben. Scheiß auf Schmerzen, scheiß auf die Erschöpfung.

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KM 42,195: GESCHAFFT. Mit einer Zielzeit von 3:31:04 komme ich im Ziel an. Die Strapazen haben sich gelohnt. Ich bin fertig, erschöpft, mir tut alles weh. Aber ich bin glücklich, tiefenglücklich. Ich denke kurz an die harte Zeit im Training zurück und an die elenden letzten sieben Kilometer. Mein Smartphone vibriert. Ich lese erste Glückwünsche von Freunden, die das Rennen online mitverfolgt haben und mich virtuell im Ziel sehen. Eine sehr nette Frau gratuliert mir zum Erfolg und hängt mir eine Medaille um. Ich humple weiter Richtung Finisherbereich und freue mich schon auf ein (alkoholfreies) Bier. Wie so viele andere setze ich mich auf den Boden und genieße den Moment. Eine Security-Mitarbeitern kommt zu mir und entschuldigt sich: „Ich muss dich bitten weiterzugehen. Ich weiß wie schwer das jetzt ist, aber es ist leider Vorschrift“. Ich versuche aufzustehen und sie hilft mir dabei.

 

Mehr Fotos und Eindrücke von der Strecke gibt es auf Facebook in meinem VCM 2015 Fotoalbum

 

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